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Risikofelder der comdirect

Bei der Klassifizierung unserer Risiken orientieren wir uns am Deutschen Rechnungslegung Standard DRS 5-10 und stellen die Risikolage differenziert nach Markt-, Adressenausfall-, Liquiditäts- und operationellen Risiken dar. Hinzu treten das Geschäfts- und das Modellrisiko, die ebenfalls als wesentliche Risikoarten klassifiziert sind und in der Risikotragfähigkeitsrechnung berücksichtigt werden. Auch das Reputationsrisiko stellt eine wesentliche Risikoart dar, wird jedoch als nicht quantifizierbares Risiko rein qualitativ gesteuert und nicht mit ökonomischem Kapital im Rahmen des ICAAP unterlegt.

Ein Marktrisiko beschreibt den möglichen Verlust aus Positionen im eigenen Bestand, der durch zukünftige Marktpreisschwankungen hervorgerufen wird. Unterschieden wird zwischen allgemeinen Veränderungen von Marktpreisen und einem spezifischen Marktrisiko, das auf einzelne Finanzinstrumente bezogen wird. Hinsichtlich der Risikofaktoren differenzieren wir zwischen Zinsänderungs-, Credit-Spread-, Aktienkurs- und Währungsrisiken. Die bedeutendsten Marktrisiken für comdirect bestehen dabei im Zinsänderungsrisiko und im Credit-Spread-Risiko des Bankbuchs. Das Zinsänderungsrisiko ergibt sich insbesondere aus Fristentransformationen, das heißt Inkongruenzen von Zinsbindungen auf der Aktiv- und Passivseite. Das Credit-Spread-Risiko resultiert aus den sich ändernden Risikoaufschlägen bei Anleihen gegenüber einem risikoarmen Referenzzinssatz. Grundgeschäfte sind im Wesentlichen Anleihen und Schuldscheindarlehen sowie Geldmarktgeschäfte mit anderen Kreditinstituten, die für die Anlage des Kundeneinlagenüberschusses genutzt werden. Für Zwecke der Absicherung beziehungsweise der allgemeinen Zinsbuchsteuerung werden bei Bedarf Zinsswaps und Forward Rate Agreements abgeschlossen.

Das Adressenausfallrisiko beschreibt das Risiko des wirtschaftlichen Verlusts, der entsteht, wenn ein Kreditnehmer seine vertraglich vereinbarte Gegenleistung nicht oder nicht rechtzeitig erbringen kann. Hierzu zählen in erster Linie die Kontrahenten- und Emittentenrisiken durch Geschäfte am Geld- und Kapitalmarkt sowie Kreditrisiken im Privatkundengeschäft.

Unter dem Liquiditätsrisiko im engeren Sinne wird das Risiko verstanden, dass die Bank ihren gegenwärtigen beziehungsweise zukünftigen Zahlungsverpflichtungen nicht oder nicht fristgerecht nachkommen kann. Die weiterreichende Definition des Liquiditätsrisikos umfasst auch das Refinanzierungsrisiko – also die Gefahr, dass Liquidität bei Bedarf nicht ausreichend oder nur zu ungünstigeren Konditionen als erwartet am Geld- und Kapitalmarkt beschafft werden kann – und das Marktliquiditätsrisiko. Letzteres bezeichnet das Risiko, dass Wertpapierpositionen aufgrund unzulänglicher Markttiefe oder Marktstörungen nicht in der gewünschten Größe oder nur mit Verlust aufgelöst oder glattgestellt werden können. Das Liquiditätsrisiko stellt ein wesentliches Risiko der comdirect dar und wird in den Risikosteuerungs- und -controllingprozessen adäquat berücksichtigt. In die Berechnung der Risikotragfähigkeit ist das Liquiditätsrisiko gleichwohl nicht einbezogen, da es gemäß gewählter Definition nicht durch Risikodeckungspotenzial sinnvoll begrenzt werden kann.

Unter operationellen Risiken versteht man mögliche Verluste aufgrund von Unangemessenheit oder Störanfälligkeit von betrieblichen Prozessen und Systemen, aber auch durch fehlerhaftes Verhalten von Menschen oder externe Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Terroranschläge. Die operationellen Risiken umfassen darüber hinaus Rechtsrisiken, die aus vertraglichen Vereinbarungen oder der Änderung von rechtlichen Rahmenbedingungen resultieren. Die personellen Risiken haben wir ebenfalls unter den operationellen Risiken eingegliedert. Sie bestehen vorwiegend im möglichen Verlust von Mitarbeitern in Schlüsselpositionen, die für den Erfolg der comdirect wesentlich sind.

Unter Reputationsrisiken verstehen wir die Gefahr einer Vertrauensminderung in der Öffentlichkeit oder bei den Kunden aufgrund von negativen Ereignissen im Rahmen der Geschäftstätigkeit. Sie treten oft als Sekundäreffekte von operationellen Risiken auf wie zum Beispiel aus IT-, Compliance- oder Rechtsrisiken.

Unter dem Geschäftsrisiko fassen wir mögliche Verluste infolge von negativen Planabweichungen zusammen, die beispielsweise durch eine Änderung von Marktparametern und Wettbewerbsverhalten oder Fehlplanungen ausgelöst werden können.

Das Modellrisiko beschreibt das Risiko von Verlusten aus vorzeitiger Veräußerung von Anlagen des Treasury in Reaktion auf unerwartet starke Einlagenabflüsse.

Konzepte der Risikomessung

Für die Messung der Risikosituation ziehen wir sowohl den erwarteten Verlust (expected loss) als auch den unerwarteten Verlust (unexpected loss) in unterschiedlichen Marktszenarien heran.

Der erwartete Verlust beschreibt den Verlust, der innerhalb eines Jahres auf Basis von historischen Erfahrungswerten – beispielsweise Schadensfällen in der Vergangenheit – erwartet werden kann. Wir berechnen ihn für die Kreditrisiken und die operationellen Risiken.

Den unerwarteten Verlust ermitteln wir regelmäßig und fassen ihn zur Gesamtrisikoposition zusammen; einbezogen sind Markt-, Modell-, Adressenausfall- und operationelle Risiken sowie das Geschäftsrisiko. Gemessen wird die Gesamtrisikoposition einheitlich anhand des ökonomischen Risikokapitalbedarfs – also dem Eigenkapitalbetrag, der mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit innerhalb eines Jahres zur Abdeckung unerwarteter Verluste aus risikobehafteten Positionen vorgehalten werden muss. Dabei sind auch solche Risikokategorien einbezogen, die regulatorisch nicht beziehungsweise nicht vollumfänglich mit Eigenkapital zu unterlegen sind, aber aus ökonomischer Sicht wesentliche Risikopotenziale darstellen (Markt-, Modell- und Geschäftsrisiken).

Bei der Berechnung des ökonomischen Risikokapitalbedarfs mithilfe des Value-at-Risk-Ansatzes (VaR) geht comdirect sehr sicherheitsorientiert vor. Zum einen wird für die Berechnung des VaR grundsätzlich ein Konfidenzniveau von 99,91 % bei einer Haltedauer von einem Jahr verwendet. Zum anderen berücksichtigt comdirect bei der Aggregation der einzelnen Risikoarten zur Gesamtrisikoposition keine sich risikomindernd auswirkenden Korrelationen.

Der Gesamtrisikoposition steht die Risikodeckungsmasse gegenüber. Sie setzt sich aus dem gezeichneten Kapital, den offenen Rücklagen (Kapital- und Gewinnrücklagen), dem (geplanten) Ergebnis nach Steuern und der Neubewertungsrücklage nach Steuern zusammen. Sonstige immaterielle Anlagegüter wie beispielsweise Lizenzen für Softwarenutzung oder selbst erstellte Software und latente Steuern werden als Korrekturposten von der Risikodeckungsmasse abgezogen. Die Risikotragfähigkeit ist gewährleistet, wenn die Risikodeckungsmasse durch die Gesamtrisikoposition der comdirect zu weniger als 100 % ausgelastet ist. Bereits bei Erreichen definierter Frühwarnschwellen werden Gegenmaßnahmen eingeleitet. Je Risikoart sind ebenfalls entsprechende Frühwarnschwellen definiert.

Das Value-at-Risk-Modell gibt das Verlustpotenzial unter historisch beobachteten Marktbedingungen wieder. Um auch potenzielle extreme Marktentwicklungen abzuschätzen, führen wir ergänzende Stresstests durch.

Risikoartenübergreifende, integrierte Stresstests sind ein wesentlicher Bestandteil des Risikomanagements und des ICAAP-Prozesses der comdirect. Sie dienen der Überprüfung der Robustheit des comdirect Portfolios unter extremen, aber plausiblen Szenarien mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit. comdirect verwendet für Zwecke integrierter Stresstests makroökonomische Szenarioanalysen im Sinne der MaRisk. Diese werden auf comdirect Gruppenebene angewendet. Einbezogen werden alle Risiken, die gemäß regelmäßig durchgeführter Risikoinventur als wesentlich erachtet werden. Die Ergebnisse des integrierten Stresstests werden im Rahmen der Risikotragfähigkeitsrechnung neben der Ermittlung des ökonomischen Risikokapitalbedarfs berücksichtigt und limitiert.

Ergänzend zu den makroökonomischen Stresstests führen wir im Rahmen der operativen Steuerung je Risikoart spezifische Stresstests durch. Hierbei werden sowohl historische als auch hypothetische Extremereignisse betrachtet. Als dritte Stresstestart werden so genannte Inverse Stresstests im Sinne der MaRisk durchgeführt. Basierend auf den Sensitivitäts- und Szenarioanalysen sind für jede Risikoart Extremereignisse identifiziert, bei deren Eintritt der Fortbestand der comdirect gefährdet wäre. Zielsetzung dieser Analysen ist die kritische Reflexion der Ergebnisse und daraus möglicherweise resultierender Implikationen für das Geschäftsmodell und das Risikomanagement der comdirect.